Heilung beginnt in der Community: Dr. Gina Sissoko über Colorism, Gendered Racism und mentale Gesundheit
- Lioba

- 7. Dez. 2025
- 7 Min. Lesezeit
Was passiert, wenn eine Schwarze Frau, geprägt von den Geschichten ihrer Community, ihren Weg von einer Hamburger Küche bis in die Forschungswelt von New York geht – und dabei ein radikal neues Verständnis von Heilung, Identität und Stärke entwickelt?
Dr. Gina Sissoko verbindet persönliche Geschichte, wissenschaftliche Expertise und tiefes Community-Wissen. In diesem Interview spricht sie darüber, wie ihr Aufwachsen sie geprägt hat, warum Colorism und gendered racism nicht nur soziale Fragen, sondern Gesundheitsfragen sind und weshalb echte Heilung nur in Verbundenheit möglich wird.
Ein Gespräch über Trauma und Transformation, über die Fallstricke des „Strong Black Woman“-Mythos und über die Kraft, die entsteht, wenn Schwarze Frauen sich selbst und einander ernst nehmen.
Du bist klinische Psychologin und Forscherin. Wenn dich jemand fragt, was dich antreibt - was antwortest du?

In meiner Arbeit setze ich mich für die Befreiung und das Wohlergehen Schwarzer Frauen und Mädchen weltweit ein. Diese Motivation kommt aus meiner eigenen Geschichte. Ich wurde von einer außergewöhnlichen westafrikanischen Immigrantin großgezogen, die mir gezeigt hat, was Community, Solidarität und Sisterhood bewirken können. Unsere Wohnung fühlte sich am Wochenende wie ein kleines Community Center an. Die Tür stand immer offen, Menschen aus der westafrikanischen Diaspora kamen, um Wärme, Essen und ein Stück Heimat zu finden.
Der zentrale Ort war die Küche meiner Mutter. Dort lernten Frauen, wie man Visa-Anträge stellt oder Kinder in der Schule anmeldet. Dort wurden mutige Pläne geschmiedet, um Mädchen vor weiblicher Genitalverstümmelung zu schützen oder aus gewaltvollen Beziehungen zu entkommen. Wir feierten gelungene Jollof-Versuche, erste Lieben, Schwangerschaften und erfolgreiche Bewerbungen. Wir weinten gemeinsam über Verluste, Fehlgeburten und diejenigen, die auf dem Weg nach Europa ihr Leben verloren. In meiner Mama‘s Küche wurde auch gestritten: über Haar-relaxer und Hautaufhellungscremes, über Afrikanisch-Sein oder Deutsch-Sein und darüber, was es bedeutet, eine Schwarze Frau in Deutschland, in Mali und in der Diaspora zu sein.
Meine Mama’s Küche war mein erstes Lernfeld. Dort habe ich gesehen, wie strukturelle Gewalt in das Leben Schwarzer Frauen eingreift, und wie kraftvoll kollektive Stärke und Fürsorge sind. Heute trage ich dieses Vermächtnis weiter: Als Forscherin mache ich unsichtbare Erfahrungen sichtbar und entwickle Lösungen gegen Colorism, Gendered Racism und geschlechtsspezifische Gewalt. Als Therapeutin schaffe ich Räume, die sich so sicher und stärkend anfühlen wie die Küche meiner Mutter, damit Schwarze Frauen ihr freies, sicheres und erfülltes Leben gestalten können.
"Zum ersten Mal habe ich mich wirklich zugehörig gefühlt."
Du bist in Hamburg geboren, hast eine familiäre Verbindung zu Mali und lebst heute in New York. Wie hat dieses Leben zwischen Kontinenten und Gesellschaften deinen Blick auf Identität und mentale Gesundheit geprägt?
Ich habe sehr früh verstanden, dass Identität, Kultur und mentale Gesundheit untrennbar miteinander verbunden sind. Erstmal natürlich durch mein Aufwachsen als Schwarzes Mädchen in Hamburg, wo ich mich nie richtig zuhause gefühlt habe. Aber so richtig gefestigt hat sich mein Interesse an Psychologie, als ich mit 16 ein Jahr in Mali gelebt habe und körperliche und sexuelle Gewalt gesehen habe, besonders abhängig von sozialer Lage. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass die Kultur dort ganz anders über diese Erfahrungen spricht als das, was ich aus Deutschland kannte. Nicht besser, nicht schlechter, einfach anders. Das war der Moment, in dem ich verstehen wollte, wie Kultur unsere Reaktionen auf Trauma formt.
Als ich nach Deutschland zurückkam, wollte ich eigentlich sofort wieder weg. Also bin ich erst mal rumgezogen, war in verschiedenen Ländern, bis ich schließlich mein Zuhause in NYC gefunden habe. NYC ist ein Ort, der von Multikulturalität lebt. Jede Person ist willkommen, und jede Person ist eine New Yorker*in. Zum ersten Mal habe ich mich wirklich zugehörig gefühlt. Und das hat mir gezeigt, wie zentral Zugehörigkeit für echtes Aufblühen ist.
Deine Forschung beschäftigt sich mit Colorism, Gendered Racism und Trauma. Welche langfristigen Auswirkungen beobachtest du bei Schwarzen Mädchen und Frauen, die in solchen Strukturen aufwachsen oder arbeiten?
Colorism und gendered racism sind nicht einfach „unangenehme Erfahrungen“, sondern tiefgreifende Formen von Gewalt. Colorism beschreibt ein Hautfarb-Hierarchiesystem, das hellere Haut privilegiert und dunklere Haut bestraft. Gendered racism meint rassistische Erfahrungen, die speziell Schwarze Frauen und Mädchen treffen, weil Rassismus und Sexismus gleichzeitig wirken.
Die Forschung zeigt, dass beide Prozesse langfristige Folgen haben. Dunklere Hautfarbe ist mit höherem Risiko für körperliche Erkrankungen, chronischen Stress, physiologische Dysregulation und sogar erhöhter Sterblichkeit verbunden. Psychisch sehen wir erhöhte Raten von Angst, Depression, Essstörungen, Suizidgedanken und lebenszeitlichen psychiatrischen Erkrankungen. Für Schwarze Mädchen und Frauen betrifft das auch Körperbild, Selbstwert, soziale Ausschlüsse, Mobbing, Dating-Erfahrungen und ihre Chancen im Bildungssystem und in der Arbeitswelt.
Meine eigene Forschung bestätigt das. In meiner Arbeit habe ich gezeigt, dass Colorism und Gendered Racism mit höheren Traumasymptomen einhergehen und dass Colorism die sexuelle Entwicklung und die sexuelle Vulnerabilität Schwarzer Mädchen beeinflusst. In meinem Projekt The BlackGIRL Project haben wir mit über 100 Schwarzen Mädchen gearbeitet und gefunden, dass Colorism allgegenwärtig ist und ihre mentalen, sozialen und schulischen Erfahrungen prägt. Dunklere Mädchen erzählten von Ausschlüssen, Abwertungen, Adultification, Fetischisierung und davon, dass ihnen weniger Glauben geschenkt wird – selbst bei Schmerzen oder Gewalt. Die Analyse zeigte zudem, dass dunklere Haut mit niedrigerem Selbstwert verbunden war, und unsere Daten lieferten eine der ersten Taxonomien für coloristische Mikroaggressionen.
Diese Ergebnisse zeigen, dass Colorism und Gendered Racism zentrale soziale Determinanten der psychischen und sexuellen Gesundheit von Schwarzen Mädchen und Frauen sind. Sie zeigen auch, dass wir dringend Interventionen brauchen, die genau das adressieren.
"Viele Schwarze Frauen internalisieren die Botschaft, dass sie keine Unterstützung brauchen dürfen, und ignorieren eigene Grenzen, bis der Körper nicht mehr kann. "
Viele Schwarze Frauen berichten, dass sie früh lernen, stark zu sein, aber selten lernen, sich zu schonen und auf die eigenen Grenzen zu achten. Was macht dieser „Strong Black Woman“- Mythos mit unserer mentalen Gesundheit?
Der Strong Black Woman-Mythos ist ein kulturelles Skript, das vielen Schwarzen Frauen sehr früh vermittelt, stark sein zu müssen, alles auszuhalten und keine Schwäche zu zeigen. Psychologisch wissen wir, dass dieses Skript kurzfristig Resilienz geben kann. Es hilft, durch schwierige Situationen zu kommen und Verantwortung zu tragen, oft in Kontexten, in denen Unterstützung fehlt.
Langfristig hat es jedoch einen Preis. Studien zeigen, dass der Strong Black Woman-Mythos mit erhöhter emotionaler Belastung, chronischem Stress, Angst, Depressionen, Schlafproblemen und deutlich geringerer Inanspruchnahme von Hilfe verbunden ist. Viele Schwarze Frauen internalisieren die Botschaft, dass sie keine Unterstützung brauchen dürfen, und ignorieren eigene Grenzen, bis der Körper nicht mehr kann. Diese Selbstvernachlässigung wird zusätzlich verstärkt durch gesellschaftliche Erwartungen, strukturelle Ungleichheiten und die Tatsache, dass Schwarze Frauen oft die unsichtbare Care-Arbeit tragen.
Wir können Stärke würdigen, ohne sie zu romantisieren. Die Forschung ist eindeutig: sich zu schonen, Hilfe anzunehmen und die eigene Gesundheit ernst zu nehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein zentraler Schutzfaktor. Und es ist eine Form von Fürsorge, die wir uns selbst genauso schulden wie allen, die wir täglich unterstützen.
Du arbeitest mit dem Konzept der Community-level-Solutions. Was bedeutet das konkret und warum braucht Heilung mehr als individuelle Therapie?
Community-level Solutions bedeutet für mich, dass Heilung nicht nur im Einzelgespräch stattfindet, sondern in der Gemeinschaft. Selbst in der Therapie fragen wir als Erstes nach dem sozialen Netz einer Person, weil wir wissen: wir heilen in Verbundenheit, in Sisterhood, in Räumen, in denen wir uns gesehen fühlen. Individuelle Therapie ist wichtig, aber sie erreicht zu wenige Menschen und kann strukturelle Belastungen wie Colorism oder Gendered Racism nicht allein auffangen.
Deshalb arbeite ich gern in Gruppen und entwickle Interventionen, die auf Prävention setzen statt nur auf Behandlung. Wir brauchen Ansätze, die Schwarze Frauen kollektiv stärken, die Wissen vermitteln, Selbstwert schützen und klar machen, dass niemand diese Belastungen allein tragen muss. Heilung ist immer ein persönlicher Prozess, aber sie ist auch ein Gemeinschaftsprojekt.
"Räume der Verbundenheit – ob in Community, Freundschaft, Familie, oder bewusst geschaffenen Gruppen – wirken wie ein Schutzfaktor."
Wenn wir über mentale Gesundheit sprechen, wird oft über Therapie gesprochen, selten über Zugehörigkeit. Welche Rolle spielen Räume der Verbundenheit für mentale Heilung?
Zugehörigkeit ist ein absolut zentraler Bestandteil mentaler Gesundheit. Viele Schwarze Frauen kennen das Gefühl, in bestimmten Räumen nicht vollständig gesehen oder ernst genommen zu werden. Räume der Verbundenheit – ob in Community, Freundschaft, Familie, oder bewusst geschaffenen Gruppen – wirken wie ein Schutzfaktor. Sie reduzieren sozialen Stress, stärken den Selbstwert, verbessern Coping und geben uns das Gefühl, nicht allein zu sein mit Erfahrungen wie Colorism, Gendered Racism und dem Schwarzsein in Deutschland.
Therapie kann viel, aber sie kann Zugehörigkeit nicht ersetzen. Verbundenheit reguliert unser Nervensystem und gibt Halt. Menschen brauchen Orte, an denen sie selbst sein können, ohne sich erklären zu müssen. Genau solche Räume sind oft der entscheidende Unterschied zwischen Funktionieren und echtem Aufblühen.
Viele Frauen in unserer Community sind in Führungspositionen oder selbstständig. Sie tragen viel Verantwortung, aber auch emotionale Last. Welche Warnsignale zeigen dir: „Hier braucht jemand mehr Unterstützung“?
Sehr gute Frage. Ich achte auf bestimmte Warnsignale. Erstens: wenn jemand dauerhaft im „functioning mode“ bleibt: organisiert, verantwortungsvoll, leistungsfähig, aber innerlich komplett abgeschnitten von sich selbst, von Beziehungen und von eigenen Interessen. Ein weiteres Warnsignal ist, wenn Pausen plötzlich schwerfallen, Ruhe sich unangenehm anfühlt oder einfache Aufgaben enormen mentalen Aufwand kosten, oder wenn man das Gefühl hat, man arbeitet ständig, kommt aber nicht voran.
Ich werde auch sofort aufmerksam, wenn sich Schlaf, Appetit oder Konzentration verändern, wenn jemand gereizter wird als sonst, oder wenn Freude und Interesse verschwinden. Auch körperliche Symptome wie Spannungskopfschmerzen, Magenprobleme, Herzrasen oder ständige Erschöpfung sind klare Hinweise darauf, dass die Belastung zu groß geworden ist.
Und dann gibt es die subtilen Zeichen: wenn Frauen alles allein tragen zu wollen, Unterstützung ablehnen, ihre eigenen Bedürfnisse minimieren oder denken, sie müssten einfach nur durchhalten. Das ist oft ein Zeichen dafür, dass die eigene Grenze längst überschritten wurde. In solchen Fällen empfehle ich klar: Entlastung suchen, Unterstützung annehmen und nicht warten, bis der Körper die Notbremse zieht.
Was würdest du sagen: Wie erkenne ich den Unterschied zwischen Funktionieren und wirklich gut gehen?
Ich liebe diese Frage. Funktionieren heißt: dass du deinen Alltag hinbekommst, Deadlines hältst, für andere da bist und „performst“. Innerlich läufst du auf Autopilot. Es fühlt sich vielleicht geordnet an, aber wahrscheinlich auch leer.
Wirklich gut gehen sieht anders aus. Da ist wieder Zugang zu dir selbst da. Du spürst Freude, Interesse, Neugier. Du hast Träume und glaubst auch an sie. Du erholst dich, wenn du Pause machst. Dein Körper ist nicht dauerhaft angespannt. Beziehungen geben dir Energie statt sie zu rauben. Du bist glücklich, inspiriert, und dein Leben fühlt sich lebenswert an.
Der Unterschied zeigt sich oft in kleinen Momenten: wie viel du lachst, ob du morgens ohne Druck aufwachst, ob du dich auf etwas freust, ob du deinen Interessen nachgehst. Wenn diese Dinge fehlen und du nur noch funktionierst, ist das ein Zeichen, dass du etwas verändern solltest.
Wie bleibst du persönlich mit deiner eigenen Freude verbunden inmitten so vieler schwerer Themen?
Boah, das Schöne an meiner Arbeit ist, dass ich jeden Tag die Brillanz, Resilienz, den Humor und die Freude Schwarzer Frauen erlebe. Ich bin so dankbar, dass ich diese Arbeit machen darf und mich vollständig auf Schwarze Frauen und Mädchen konzentrieren kann. Natürlich ist es oft schwer, aber es fühlt sich genauso wie ein Blessing an.
Es gibt für mich nichts Schöneres, als Schwarze Frauen aufblühen zu sehen. Meine Arbeit ist stressig, das auf jeden Fall. Gleichzeitig ist sie auch eine große Quelle meiner Freude. Sie erinnert mich jeden Tag daran, wie kraftvoll unsere Community ist, und genau das hält mich mit meiner eigenen Freude verbunden.
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