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Pflege neu denken: Wie Pflegekräfte Führung übernehmen und das System verändern

  • Autorenbild: Lioba
    Lioba
  • 20. Juli 2025
  • 5 Min. Lesezeit
Denise Anders ist Führungskraft im Gesundheitswesen und aktuell Masterstudentin sowie frisch gestartete Doktorandin. Ihr beruflicher Weg begann als pragmatische Entscheidung ihres Vaters und entwickelte sich zu einer echten Berufung.

2008 hat Denise ihre Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin in einer großen Klinik in Ludwigsburg bei Stuttgart abgeschlossen. Es folgten Stationen in verschiedenen Fachbereichen und Kliniken - und der wachsende Wunsch, wirklich etwas zu bewegen. Zwischen 2014 und 2017 absolvierte sie berufsbegleitend ihren Bachelor in Gesundheits- und Sozialmanagement. In der Endphase ihres Studiums wechselte sie in die stationäre Langzeitpflege – als Trainee für die Pflegedienstleitung.

Im Interview spricht Denise Anders über ihren ungewöhnlichen Werdegang, ihre Haltung zur Pflege, die Erfahrung von Machtverhältnissen und Diskriminierung und über das, was Pflegekräfte heute wirklich brauchen, um aktiv mitzugestalten statt zu funktionieren.

Denise, du bist heute Leitung des Integrierten Versorgungsmanagements in Hamburg. Wie hat dein Weg in die Pflege begonnen?

Ich bin tatsächlich ein bisschen gezwungen worden, in die Pflege zu gehen. Mein Vater hat damals gesagt: "Was für deine Schwester gut ist, kann für dich auch nicht schlecht sein." Ich wollte eigentlich ins Veranstaltungsmanagement, aber das war Anfang der 2000er nur über teure Privatschulen möglich. Aber er hat ganz klar gesagt, er investiert da kein Geld. Ich solle lieber eine Ausbildung machen, bei der ich sogar bezahlt werde. Nach dem Motto: Dann kannst du auch 100 Euro in die Familienkasse mit einzahlen. Also habe ich die Ausbildung gemacht und den Beruf klassisch lieben gelernt.

Was hat dich überzeugt, in der Pflege zu bleiben?

Vor allem meine erste Praxisanleiterin, eine liebevolle und hilfsbereite Krankenschwester, die damals schon evidenzbasiert gearbeitet hat. Sie war empathisch, aber auch klar in ihrer Haltung und Abgrenzung zum Job. Sie hat mir gezeigt, dass man mit Herz arbeiten kann, ohne sich aufzugeben. Ich habe mich wiedergefunden in dieser Haltung und gemerkt, wie sehr ich das Arbeiten mit unterschiedlichen Menschen schätze, wie viel ich über sie erfahre und lerne. Und das war so schön, weil ich einfach gemerkt habe, ich kann hiermit etwas bewirken, weil ich Menschen helfe sowie unterstütze.

"Ich wollte verstehen, wie das System funktioniert, um an den Schnittstellen mitwirken und -gestalten zu können."
Du hast später berufsbegleitend studiert. Warum?

Ich habe nicht nur gespürt, sondern es auch täglich erlebt, dass wir, meine Kolleg:innen und ich aus der professionellen Pflege, damals schon wenig zu sagen hatten, obwohl dieser Beruf so zentral ist. Ich wollte verstehen, wie das System funktioniert, um an den Schnittstellen mitwirken und -gestalten zu können. Deshalb der Bachelor, jetzt der Master und mittlerweile auch die Promotion.

"Doch, ich kann das!"
Gab es Momente, in denen du stark gezweifelt hast?

Ja, viele. Ich wurde unterschätzt, gedemütigt, aus Positionen gedrängt und habe erlebt, wie meine Schwangerschaft zum Karriere-Killer gemacht wurde. Ich wurde sogar einmal zur Toilette begleitet, als mir ohne Vorankündigung, ein Aufhebungsvertrag angeboten und somit die Zusammenarbeit Knall auf Fall beendet wurde. Aus Angst, ich nehme interne Daten mit, so die Begründung des damaligen Direktoriums.


Auch dank Coaching habe ich mich kontinuierlich reflektiert und mich gefragt: Was in diesen ganzen Prozessen mein Anteil ist und was der Anteil der anderen war? Diese Reflexion hat dazu geführt, dass ich aus jeder dieser vergangenen Situation gestärkt herausgegangen bin. Sie haben mich weitergebracht und mich motiviert, meinen Weg zu gehen und mich nicht von anderen verbiegen zu lassen. Und heute ist eine Mutterschaft plus Karriere kein Einzelfall, sondern normaler Alltag.

Wie kam es zu deiner ersten Leitungsfunktion?

Ich war im Traineeprogramm für Pflegedienstleitungen (PDL), als die Leitung plötzlich ging. Es war nicht geplant, dass ich übernehme. Erst hat eine Rückkehrerin aus der Elternzeit die Position bekommen, aber das hat nicht funktioniert. Dann wurde ich gefragt und die Einrichtungsleitung sagte mir ins Gesicht, sie traue mir das nicht zu. Da ich während der Traineezeit nicht einmal mit der Pflegedienstleitung gemeinsam gearbeitet habe, geschweige denn erste Leitungsaufgaben erhalten habe. Meine Antwort: Doch, ich kann das! Nach einer Einarbeitung von ca. 2 Wochen ging sie für sechs Wochen in den Urlaub, und als sie wiederkam, lief alles.

Ich habe immer noch das Problem, dass ich unterschätzt werde. Vielleicht, weil ich in manchen Situationen wenig sage oder in anderen Momenten zu direkt bin. Dann wissen die Leute manchmal nicht, was sie mit mir anfangen sollen. Aber ich bin jemand, der sich nicht davon aufhalten lässt. Als ich damals die Gelegenheit bekommen habe, das Traineeprogramm zu machen, war das für mich der erste Schritt, um wirklich zu verstehen, wie der Apparat dahinter funktioniert. Ich erinnere mich genau: Nachdem ich erfahren habe, dass ich während der Abwesenheit der Einrichtungsleitung ihre und die Tätigkeiten der PDL übernehmen werde, stand ich am nächsten Tag mit einem Klemmbrett, Papier, drei Stiften da. Das hat dafür gesorgt, dass ich dann erst richtig angeguckt und wahrgenommen wurde und einigen klar wurde: Man kann sie ins kalte Wasser schmeißen, aber sie wird nicht untergehen, sondern schwimmen lernen und das Ziel erreichen.


Wie sieht dein heutiger Alltag aus?

Ich leite drei Bereiche: Entlassungsteam, Familiale Pflege und Übergangspflege. Ich bin viel in Besprechungen, koordiniere Prozesse, entwickle Strategien. Wichtig ist mir, die soziale wie pflegerische Perspektive stärker in medizinische Abläufe zu integrieren. Oft wird erst ans Pflege- oder Entlassungsmanagement gedacht, wenn es fast zu spät ist. Daher ist einer meiner Aufgaben die Prozesse dementsprechend effizienter zu gestalten und die vorhandenen Ressourcen gut zu bündeln.

Wie gehst du mit Diskriminierungserfahrungen um?

Rassistische Kommentare ignoriere ich, sonst könnte ich mich ständig damit beschäftigen und würde nichts anderes machen. Es gibt aber natürlich Situationen, die ich nicht stehen lassen kann. Bei sexistischer Diskriminierung oder verletzenden Aussagen gehe ich aktiv dagegen vor. Ich gebe ganz klar zu verstehen, dass nichts unter den Tisch gekehrt wird. Das gibt es bei mir nicht. Ich möchte mir am Ende nicht sagen lassen, warum hast du nur beobachtet. Also bin ich laut, wenn andere in solchen Situationen eher leiser werden, egal ob ich oder jemand anderes betroffen ist. 

"Wenn wir nicht mitreden, bestimmen andere über uns."
Was empfiehlst du Menschen, die eine Leitungsposition in der Pflege anstreben?

Mindestens fünf Jahre Berufserfahrung, egal ob im klinischen oder ambulanten Setting  (Ambulante Pflege/stationäre Langzeitpflege), um ein echtes Gefühl für die Praxis zu bekommen. Dann Weiterbildungen, um sich zu spezialisieren oder Studium, je nachdem, was man vorhat. Und politisches Engagement. Je mehr wir sind, desto mehr können wir für uns bestimmen als auch bewegen. Wenn wir nicht mitreden, bestimmen andere über uns. Noch heute entscheiden oft ärztliche Gremien, was in der Pflegeausbildung gelehrt wird. In der Bundesärztekammer finden sich hingegen keine Pflegekräfte, die am Curriculum des Medizinstudiums mitwirken.

Wie schaffst du die Balance zwischen Beruf, Familie und Studium?

Ich strukturiere meinen Tag klar. Acht Stunden für die Arbeit, danach ist Familienzeit. Je älter meine Tochter wird, desto mehr zeigt sie, dass sie gar kein Interesse daran hat, jetzt noch irgendwie die Mama von der Arbeit zu haben. Erst wenn die Kleine schläft, bin ich wieder Studentin oder Ehefrau. Ich setze mir realistische Deadlines was ich bis zu einem bestimmten Datum erreichen will und priorisiere. Und ich habe gelernt, nicht mehr perfekt sein zu wollen.

Was bedeutet Erfolg für dich?

Wenn ich abends ins Bett gehe und sagen kann: Ich habe heute mein Bestes gegeben, nicht unbedingt alles geschafft, aber das, was möglich war. Und dann ist auch mal Schluss und ich genieße, dass ich die Zeit habe mit meiner Familie. Das ist für mich Erfolg.

Was sind deine nächsten Ziele?

Meine Masterarbeit abschließen, mein Promotionsthema finalisieren und möglichst als Projekt bei meinem jetzigen Arbeitgeber umsetzen. Mein jetziger Chef ist mein erster echter Mentor. Er glaubt an mich, er fordert mich, und er hat mir gesagt: Denk größer!

Was möchtest du jungen Pflegekräften mit auf den Weg geben?

Nicht jeder Weg ist gerade. Es geht immer mal wieder fünf Schritte zurück. Sich Zeit zu nehmen und dann zu überlegen, ob es wirklich das ist, was ich möchte. Möchte ich vielleicht in eine andere Richtung gehen und das als Chance zu nehmen und nicht als Keule und als Rückschritt verstehen, sondern als Chance des Wachsens.

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