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Frauen sollen stark sein – aber bitte nicht unbequem

  • Autorenbild: Lioba
    Lioba
  • 22. März
  • 6 Min. Lesezeit

Jennifer Reaves hat über zwei Jahrzehnte lang funktioniert. International erfolgreich, hoch belastbar, immer präsent in einer Branche, in der Frauen Verantwortung tragen, planen, machen und umsetzen während andere glänzen. Dann kam der Bruch. Zurück blieb ein Burnout, der alles infrage stellte: Leistung, Identität, Erfolg.


Aus diesem Wendepunkt entstand das BitchFest. Kein Wohlfühl-Empowerment, kein Selbstoptimierungsversprechen, sondern ein radikaler Gegenentwurf: Räume, in denen Frauen nicht leise, dankbar oder angepasst sein müssen. In diesem Interview spricht Jennifer über Macht, Erschöpfung, Verwundbarkeit und darüber,  warum echte Gemeinschaft der radikalste Akt von Empowerment ist.


Jennifer Reaves Gründerin des BitchFest und Chief Bitch ©kimhoss
Jennifer Reaves Gründerin des BitchFest und Chief Bitch ©kimhoss

Du hast über 20 Jahre internationale Erfahrung in der Eventbranche gesammelt – von Tokio über Kopenhagen bis Zürich. Welche Erfahrungen aus dieser Zeit prägen heute dein Verständnis von Feminismus, Gemeinschaft und Empowerment?

Die internationale Eventbranche hat mich sehr früh gelehrt, wie unterschiedlich Frauen weltweit arbeiten, kämpfen, zweifeln und wie ähnlich wir uns gleichzeitig sind. Egal ob in Tokio oder Kopenhagen: Frauen tragen viel. Emotional, organisatorisch, strukturell. Und überall wird erwartet, dass sie diese Last lächelnd tragen. Was mich besonders geprägt hat, ist die stille Selbstverständlichkeit, mit der Frauen im Hintergrund alles zusammenhalten, während Männer auf der Bühne stehen. Das habe ich jahrelang beobachtet aber erst später gemerkt, wie tief diese Dynamiken sitzen. Diese internationale Erfahrung ist heute die Basis meines Verständnisses von Empowerment: Es geht nicht um „bessere“ Frauen. Es geht um gerechtere Räume. Räume, in denen wir uns nicht erst klein machen müssen, um reinzupassen.


"Ich wurde von meiner Zielstrebigkeit und meiner eigenen Dynamik fremdbestimmt und förmlich überrollt und dachte, das sei Normalität." 
Dein Burnout war ein einschneidender Moment. Was war die härteste Wahrheit, der du damals ins Gesicht schauen musstest und warum wurde ausgerechnet dieser Tiefpunkt zu einem Startpunkt für deinen heutigen Weg?

Dass ich mein ganzes Leben lang funktioniert, aber mich nie wirklich gefühlt habe. Ich war erfolgreich, aber nicht erfüllt. Ich war leistungsstark und wusste genau, was andere brauchten, aber nicht, was ich selbst brauchte. Ich wurde von meiner Zielstrebigkeit und meiner eigenen Dynamik fremdbestimmt und förmlich überrollt und dachte, das sei Normalität. Der Tiefpunkt wurde zum Wendepunkt, weil ich zum ersten Mal gezwungen war, stehenzubleiben. Und in dieser Stille kam alles hoch, was ich jahrelang weggedrückt hatte. Es war schmerzhaft, aber aus diesem Schmerz entstand die ehrlichste Frage meines Lebens: „Was will ich eigentlich bewirken?“ Und aus dieser Frage ist das BitchFest entstanden.

 

Wie hat dich der Prozess von Krise, Neuorientierung und Wiederaufbau geprägt und welche Erkenntnisse daraus möchtest du anderen Frauen unbedingt mitgeben?

Der Prozess hat mir gezeigt, dass Heilung nicht linear ist und dass Stärke nicht bedeutet, immer weiterzumachen, sondern manchmal endlich stehenzubleiben.


Ich habe gelernt, dass Identität nichts Statisches ist. Sie darf neu entstehen. Immer wieder. Meine wichtigste Erkenntnis: Frauen scheitern nicht, weil sie zu wenig Stärke haben. Sondern weil sie zu wenig Unterstützung haben. Deshalb ist mein Appell an andere Frauen: Verbindet Euch!!! Du musst das nicht alleine können. Und du bist nicht falsch, nur weil du müde bist. Müdigkeit ist kein Charakterfehler, sie ist ein Signal!

 "Heute weiß ich, dass das Mutigste, was wir tun können, ist, uns nicht länger unantastbar zu machen."
Welche Rolle spielt Verwundbarkeit für dich und wie passt sie in dein persönliches Verständnis von Empowerment?

Verwundbarkeit ist für mich kein Gegensatz zu Empowerment, sie ist vielmehr ihre Quelle. Ich war jahrzehntelang die Frau mit der starken Fassade. Die, die alles stemmt. Die, die nicht knickt. Und irgendwann bin ich daran zerbrochen. Heute weiß ich, dass das Mutigste, was wir tun können, ist, uns nicht länger unantastbar zu machen. Meine Community ist stark, weil ich nicht so tue, als hätte ich Antworten, sondern weil ich meine Fragen teile. Weil ich zeige, wenn ich weine. Weil ich nicht verberge, wenn ich an mir zweifle. Verwundbarkeit schafft Verbindung. Und Verbindung schafft Kraft.

 

Empowerment-Kultur wird oft als kapitalistisch, oberflächlich oder wenig intersektional kritisiert. Wie stehst du zu dieser Kritik und wie positioniert sich das BitchFest bewusst anders?

Ich teile diese Kritik. Vieles, was heute unter „Empowerment“ verkauft wird, ist Marketing für normschöne Frauen in Pastellfarben. Beim BitchFest geht es nicht um „Perfect Girlboss Energy“. Nicht um „Love yourself“ Plattitüden und nicht darum, Frauen zu optimieren. Ich arbeite nicht mit dem Versprechen „Werde die beste Version von dir“.

Sondern mit der Haltung: „Du bist gut und du bist nicht allein.“ Das BitchFest ist bewusst laut, roh, ehrlich. Wir sprechen über Wut, Scham, Fehler, finanzielle Abhängigkeit, mentale Gesundheit, gesellschaftliche Strukturen. Intersektionalität ist für mich kein Zusatz, sondern das Fundament: Wer Empowerment sagt, muss Strukturen mitdenken.

Und: Ich verdiene mein Geld nicht mit dem Schmerz von uns Frauen, sondern erschaffe Räume, damit dieser Schmerz nicht länger unsichtbar bleibt!

 

Das BitchFest ist bewusst inklusiv angelegt. Warum war dir dieser Ansatz so wichtig und wie durchbrecht ihr damit gängige Vorstellungen von Erfolg, Leistung und Zugehörigkeit?

Weil so viele Frauen sich ihr Leben lang ausgeschlossen fühlen. Nicht schlank genug, nicht jung genug, nicht erfolgreich genug, nicht „professionell“ genug, nicht „deutsch“ genug, nicht hetero genug, nicht leise genug, nicht laut genug, nicht irgendwas genug. Ich habe selbst erlebt, wie eng die Schubladen sind, in die Frauen gesteckt werden.


Und wie befreiend es ist, wenn man endlich in einen Raum kommt, in dem diese Schubladen keine Rolle mehr spielen. Das BitchFest bricht diese Logik auf, indem ich sage:

Erfolg ist nicht das, was du nach außen zeigst, sondern das, was du für dich bewusst veränderst. Wir feiern nicht Performances, sondern Entwicklungen. Nicht Lebensläufe, sondern Lebenswege. Nicht Rollen, sondern Echtheit.

 

Welche Zweifel oder inneren Widerstände begleiten dich bis heute und wie lernst du, konstruktiv mit ihnen umzugehen?

Ich zweifle oft daran, „genug“ zu sein. Genug organisiert. Genug professionell. Genug strukturiert. Genug erfolgreich. Und manchmal denke ich: „Wer bin ich, einer ganzen Community Mut machen zu wollen, wenn ich selbst manchmal zusammenklappe?“ Der Unterschied zu früher ist: Ich glaube meinen Zweifeln nicht mehr blind. Ich rede über sie. Ich teile sie. Ich frage mich: „Würde ich darauf das Leben meiner Schwester verwetten, dass diese Zweifel wahr sind?“ Und die Antwort ist: Nein. Nie. Ich habe gelernt, dass Zweifel Begleiter sind, keine Wahrheit.


"Heilung ist kein Zustand. Heilung ist ein Rhythmus." 
Was bedeutet Heilung für dich heute und woran merkst du, dass du in manchen Bereichen immer noch mittendrin bist?

Heilung bedeutet für mich, wieder Zugang zu mir selbst zu haben. Zu meinen Bedürfnissen, zu meinen Grenzen, zu meinen Wünschen. Ich merke, dass ich noch mittendrin bin, wenn ich mich überlaste, wenn ich zu viel will, wenn ich wieder in altes Funktionieren falle. Aber heute merke ich es früher. Und ich kann reagieren. Heilung ist kein Zustand. Heilung ist ein Rhythmus.

 

Wenn du an dein jüngeres Ich denkst: Wofür würde es dich heute bewundern und worin würde es dich liebevoll herausfordern?

Mein jüngeres Ich würde mich bewundern für meinen Mut, mein Leben zu verändern, trotz der Angst. Und es würde mich herausfordern, öfter zu spielen. Mehr Leichtigkeit und Flexibilität zuzulassen und nicht alles so verdammt ernst zu nehmen.

 

Wo siehst du die größten gesellschaftlichen oder persönlichen Hürden, wenn Frauen ihre Stimme erheben oder sich selbst bestärken wollen?

Gesellschaftlich: Frauen sollen stark sein, aber bitte nicht unbequem. Sichtbar, aber nicht wütend. Ehrlich, aber nicht zu ehrlich. Selbstbewusst, aber nicht zu laut.


Persönlich: Unsere eigenen Überzeugungen sind oft die härtesten Gegner. „Ich bin nicht wichtig genug.“ „Ich bin nicht kompetent genug.“ „Ich schaffe das nicht.“ Diese Sätze sitzen tiefer als jedes Patriarchat, weil wir sie uns selbst zuflüstern.

 
"Für mich ist kollektiver Erfolg, wenn Frauen anfangen, einander nicht mehr als Konkurrenz zu sehen, sondern als Verstärkerinnen."

Wie definierst du persönlichen und kollektiven Erfolg jenseits von Reichweite oder Zahlen und wie sorgst du dafür, dass das BitchFest nicht nur ein Event bleibt, sondern langfristige Wirkung entfaltet?

Erfolg ist für mich, wenn eine Frau nach dem BitchFest sagt: „Ich fühle wieder etwas.“oder „Ich habe zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl, nicht alleine zu sein.“ Das BitchFest wirkt, weil es nicht beim Event bleibt. Podcast, Tribe, Mini-BitchFests, Newsletter, all das ist das Ökosystem, das den Funken am Leben hält. Für mich ist kollektiver Erfolg, wenn Frauen anfangen, einander nicht mehr als Konkurrenz zu sehen, sondern als Verstärkerinnen.

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